Montag, 11. April 2016

BLW - Breifrei für Anfänger


Schon lange vor der Schwangerschaft las ich irgendwo von BLW. Von was? Von Baby lead weaning. Also "Baby geführtem Abstillen". Äh ja, und nun wirklich auf deutsch? Für mich besteht BLW aus mehreren Teilen:

Einerseits bekommt das Kind von Anfang an weiche Stücke "normales" Essen sobald es die gängigen Beikostreifezeichen aufweist und kann daher die Lebensmittel erforschen, selbst die Menge bestimmen, die es konsumiert und hat sehr viel Freude am Essen und der Selbständigkeit. Und der andere Part ist, dass so lange nach Bedarf gestillt wird, bis das Kind von sich aus genügend Lebensmittel isst um so satt zu sein, dass es nicht mehr stillen möchte. Das kann früher oder eben auch später sein. Hier steht das Kind im Fokus und eben nicht irgendein Plan der WHO.


Ich fand das Konzept spannen und habe mich dann als es bei uns soweit war näher damit beschäftigt und auch einige Bücher gelesen. Ich versuche euch nun eine Zusammenfassung zu geben, aber hey: Ich bin kein Autor, hab keine Zeit für ewige Recherche und fasse nur zusammen, was ich mir schon vor ein paar Monaten angelesen habe.

Beginnen wir am Anfang: Was sind denn Beikostreifezeichen bzw wann ist mein Baby reif für mehr als Milch?

Wenn das Baby völlig desinteressiert am Tisch sitzt während alle essen ist es definitiv nicht so weit auch wenn es schon 6 Monate alt ist. Doch
  • schaut es aufmerksam zu, ahmt vielleicht sogar Kaubewegungen nach und klaut vielleicht sogar selbst ein Stück Essen vom Teller, 
  • kann mit wenig Unterstützung aufrecht sitzen und den Kopf selbst stabil halten
  • und vom Rücken auf den Bauch drehen (zeitgleich entwickelt sich die Fähigkeit der Zungenkontrolle)
  • und ist der Zungenstoßreflex verschwunden, also stößt das Baby nicht alles mit der Zunge wieder aus dem Mund,
dann spricht nichts mehr gegen einen Versuch mit Beikost. Egal ob man nun BLW macht oder mit Brei anfängt.


Aber Achtung, es gibt noch ein paar Sachen, die beachtet werden müssen (auch wenn vieles selbsterklärend ist):
  • Das Baby muss immer aufrecht sitzen, damit es beim Würgen zu große Stücke wieder nach vorn oder ganz aus dem Mund bewegen kann. In Schräglage wie z.B. einer Wippe fällt das Essen gerade wieder nach hinten und es kann zum Ersticken kommen.
  • Niemals das Kind mit Essen allein lassen
  • Keinesfalls einfach das Essen in den Mund schieben. das könnte Würgereiz auslösen und wiederspricht dem Konzept, dass das Baby selbst bestimmt, was es essen möchte und wieviel davon. (Bei sehr glitschigen Sachen habe ich manchmal einfach vor den Mund gehalten. Jonathan hat mir aus der Hand gegessen, wenn er noch mochte. Für manche ist dies aber schon kein BLW mehr)
  • Essen sollte niemals eine Strafe oder Belohnung sein

Bei uns war es mit 5,5 Monaten soweit und Jonathan war extrem am quengeln, wenn wir etwas gegessen haben und er nichts abbekam und da die obigen Zeichen erfüllt waren, drückte ich ihm ein Stück Tomate und Gurke in die Hand. Er lutschte darauf rum und es war super spannend ihm zuzuschaun, wie er diese Welt für sich erkundete. Doch vielleicht weiß die ein oder andere, dass Tomaten ja zu den Allergie auslösenden Lebensmittel gehören.

Sollte man damit nicht wie auch mit Nüssen, Sesam, Ei und was weiß ich noch alles warten? 

Nein, sagt mein Kinderarzt und Allergologe. Neueste Studien zeigen, dass es weniger Allergien gibt, je früher ein Kind solche Lebensmittel isst und dies möglichst noch unter dem Schutz von Muttermilch. Also gab es für Jonathan in diese Richtung keine Einschränkungen.


Aber muss man vielleicht doch etwas beachten? Ja, das sollte man. 

Im ersten Lebensjahr und evtl darüber hinaus sollte man auf diese Lebensmittel verzichten:

  • Honig und Ahornsirup (Botulismusgefahr)
  • ganze Nüsse, Erbsen, Bohnen usw aber auch rundes Obst wie Trauben, Physalis usw (Verschluckungsgefahr - zerkleinern oder einfach durchschneiden hilft)
  • rohe Lebensmittel wie Fisch (auch keine Räucherfisch), Eier und Fleisch (Salmonellengefahr)
  • Frischmilch (kann Bakterien enthalten)
  • Salat (kann am Gaumen kleben bleiben)
  • mehr als 1 Gramm Salz am Tag (belastet die Nieren sonst zu stark)
  • mehr als 200g Milchprodukte am Tag (auch hier die Belastung der Nieren)
  • Zucker (ist in vielen Lebensmitteln enthalten, wo man es nicht vermutet, wie z.B. Saure Gurken, doch im ersten Lebensjahr findet die Süß-Prägung statt und Zucker ist grundsätzlich im Übermaß einfach unnötig)
  • fettreduzierte Lebensmittel
  • Koffein, Teein und Alkohol
Das klingt erst mal schlimm, aber im Prinzip bleibt sehr viel. Und anfangs empfiehlt es sich eh mit weichen, gedünsteten Sachen anzufangen und dann wächst man irgendwann rein. Man erweitert die Rezepte, beginnt vorsichtig mit Gewürzen und schwupps kocht man einfach ein Gericht für die ganze Familie natürlich ohne Salz und die Eltern würzen einfach am Tisch nach und Junior ist mega stolz, dass er genau das Gleiche essen darf. Doch bis dahin ist es anfangs noch ein langer Weg. Wichtig für die Eltern (vorallem die überengagierten Mamas) ist ein Merksatz:

Food under one is just for fun! Also essen im ersten Lebensjahr ist nur zum Spaß da.

Es wird erkundet und auch mal gematscht, mal landet viel im Mund und mal gar nichts. Satt getrunken wird an der Brust oder der Flasche. Wer gerne mit 6 Monaten komplett Abstillen möchte/muss ist mit diesem Konzept dann wohl nicht so gut beraten. Doch für mich war es eine echte Erleichterung und mit ca. 10 Monaten wollte Jonathan nach den Mahlzeiten nicht mehr Stillen und wir beschränkten die Milch auf morgens nach dem Aufwachen und Abends zum Einschlafen. Dafür gab es 3-5 Mahlzeiten über den Tag verteilt.


Nun aber mal her mit den Nachteilen! Was ist mit der Sauerei? Und kann das Baby nicht Ersticken? 

Natürlich ist Essen mit Babys nie wirklich eine saubere Angelegenheit. Und es hängt viel vom Kind ab, ob das Essen im Kind oder an der Wand, dem Boden oder sonst wo landet. Doch wenn ich mir so die Kinder um Umfeld ankucke, die mit Brei gefüttert wurden und meinen Kleinen, dann nimmt sich das nix. Wir legen daheim eine Plastiktischdecke unter seinen Stuhl, können große Stücke nochmal anbieten oder selbst essen und auch schnell aufräumen. Und auch die Erstickungsgefahr ist durchaus gegeben. Doch hat sich gezeigt, dass Kinder, die mit stückiger Kost gefüttert wurden zwar anfangs häufig würgen (manchmal auch einfach um zu testen was geht), aber besser damit umgehen können wenn mal ein zu großes Stück kommt als "Breikinder", die gar nicht wissen, was sie nun anstellen sollen, da sie ja nur die breiige Konsistenz kennen.

Bis jetzt habe ich noch keinen wirklichen Nachteil feststellen können. Jonathan isst mittlerweile wie ein großer, hat super viel Freude am Essen und Erkunden und alle sind happy. Doch was für uns funktioniert hat muss nicht bei jedem Kind klappen. Wichtig finde ich, dass es egal sein sollte, was die Mama toll findet. Wenn es für das Kind nicht funktioniert ist der Plan Müll. Punkt aus.


Habt ihr noch Fragen? Hab ich etwas vergessen? Oder habt ihr vielleicht Erfahrungsberichte? Ich freue mich über eure Kommentare.

Liebe Grüße

Kommentare :

  1. Jonathan macht das auch echt super. Ich persönlich kann mir das für mich nicht vorstellen, dafür bin ich zu unorganisiert, um immer passende "Essensstückchen" zur richtigen Zeit dazuhaben und dazu auch die viele Auswahl. Aber selbst essen lassen, also auch den Brei, hab ich Melissa auch...

    LG Jessi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, das ist gar nicht soo schwer. Im Zweifel hab ich immer etwas TK-Gemüse daheim, das man schnell in der Mikrowelle machen kann oder es gibt Obst. Unterwegs ist es schon etwas mehr Herausforderung gerade was den Salzgehalt der meisten Speisen betrifft. Aber auch da gewöhnt man sich dran.

      Löschen